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Vorwort: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" - Neue Wege brauchen neue Landkarten Das Motto von Herman Hesse, das diesem Vorwort vorangestellt ist, trifft in präziser Weise die Situation, in der sich eine Hörgeschädigtenpädagogik auf neuen Wegen befindet: Hesse spricht in seinem Gedicht "Stufen" 1 vom Zauber, der allem Neuen, das man wagt und anfängt, innewohnt. Er beschreibt dabei weiter, dass nur derjenige, der bereit ist zu Aufbruch und zu neuen Reisen, es auch schafft, sich neu zu entdecken und eben nicht zu erschlaffen im Altgewohnten. Auch der abschließende Satz in seinem Gedicht passt treffend auf die Umbruchsituation, in der sich die Hörgeschädigtenpädagogik (wie alle anderen Behindertenpädagogiken auch) befindet - und er macht Mut: Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!. "Wissenschaft und Praxis als gute Wegbegleiter auf neuen Wegen" - so könnte der Beweggrund für die Idee und gemeinsame Herausgabe dieses Buches überschrieben werden. Schließlich entsprang die Zusammenarbeit von uns als Herausgebern der Begegnung auf einer Wegkreuzung zwischen Forschung und praktischen Alltagsfragen im Ressourcen- und Empowermentland, einem in der uns vielfach als störungs- und defizitorientiert erscheinenden Hörgeschädigtenpädagogik noch teilweise unerschlossenen Gebiet. Wir beginnen hier mit der Landkartenerstellung im Gebiet von Pädagogik und professioneller psychosozialer Praxis. Unser zukünftiges weitergehendes Augenmerk soll den Stimmen und vielfältigen Wegen von Betroffenen gelten. Als guter Kompass und Orientierungshilfe in der Landschaft erweist sich eine Definition von Empowerment von Albert Lenz, die sich so oder ähnlich in zahlreichen Beiträgen des Buches wiederfindet: "Professionelles Empowerment zielt auf die Förderung und Erweiterung der Selbstgestaltungskräfte der Menschen ab. Es beinhaltet eine Abkehr vom einseitigen Blick auf die Defizite und die Hilfsbedürftigkeit der Menschen sowie eine konsequente Hinwendung zu ihren kompetenten und aktiv gestalterischen Seiten" (Keupp et al. 2002, S. 96)2. In diesem Sinne haben wir uns auf den Weg gemacht und dabei neben der Unterstützung durch die vielen Autorinnen und Autoren dieses Buches auch dieses Mal wieder im Median-Verlag und hier insbesondere durch Christina Osterwald und Björn Kerzmann einen sicheren Rückhalt und unterstützende Begleitung aus dem Hintergrund gefunden. Was erwartet die Leserinnen und Leser nun auf den nächsten Seiten? Dazu kurz noch einige Hinweise. In ihrem einführenden Beitrag skizzieren Manfred Hintermair und Cornelia Tsirigotis, welche Leitmotive sich hinter den Leitbegriffen dieses Buches "Empowerment und Ressourcenorientierung" verbergen. Es gilt, die Folie eines innovativen und zukunftsträchtigen Verständnisses von Entwicklung, Entwicklungsförderung, Lebensführung und Professionalität auszubreiten und vorzubereiten, damit darauf mit den nachfolgenden Beiträgen Wege in einer veränderten Landkarte in der"Bildungs-, Erziehungs- und Beratungslandschaft mit hörgeschädigten Menschen" aufgezeichnet und sichtbar werden können. Wir haben die bereits als gangbar erwiesenen Wegbeschreibungen, die wir für die Gestaltung dieser Landkarte zugeliefert bekommen haben, gesichtet und dabei drei größere Wegmarkierungen gesetzt: Eine erste thematische Region mit insgesamt acht Beiträgen bewegt sich im Themenbereich "Psychosoziale Gesundheit und was dazu erforderlich ist". Neben einem Überblicksbeitrag von Manfred Hintermair und grundsätzlichen Überlegungen zu ressourcenorientierter professioneller Haltung von Cornelia Tsirigotis werden sehr vielfältige Möglichkeiten der psychosozialen Stärkung durch vorschulische, schulische und außerschulische Beratung und Begleitung (vgl. die Beiträge von Silke Beer, Gerda Nerb und Doris Aumüller) sowie durch Psychotherapie (vgl. die Beiträge von Eszter Jókay, Karen Jahn und Wolfgang Wirth) aufgezeigt. Der zweite Themenblock widmet sich mit insgesamt sieben Beiträgen der Ressourcensuche im Bereich der Schule und ihrem Umfeld. Einleitend hierzu liefert Ursula Horsch mit ihrem Beitrag einen bildungstheoretischen Überbau einer dialogischen und an Stärken ausgerichteten Hörgeschädigtenpädagogik. Die weiteren Beiträge befassen sich mit ressourcenorientierten Aspekten im Lernraum "Schule" (Unterrichtsgestaltung, Identitätsförderung, Filmarbeit) sowie im "schulnahen" Handlungsfeld einer heilpädagogischen Tagesstätte (vgl. die Beiträge von Sandra Meiser, Katharina Wagner, Saskia Bohl und Nicole Reuß, Wolfgang Lamers und Norbert Heinen, Evelyn Ueding sowie Monika Ebert und Trudi Schalkhaußer). Das Motto für diesen Themenblock "Goldgräber und Schatzsucher" passt ausgezeichnet zu dem, was hier angeboten wird: Die Beiträge zeigen in zum Teil erfrischender Weise auf, welche kreativen Möglichkeiten sich im Lebensraum Schule auftun, um mit hörgeschädigten Kindern Entwicklungsprozesse gemeinsam in gegenseitiger Achtung und mit Respekt konstruktiv und entwicklungsförderlich zu gestalten Vor allem wird deutlich, dass sich Empowerment und Ressourcenorientierung jenseits methodischer Fragen der Hörgeschädigtenpädagogik und jenseits des Grades der Behinderung in vielfältige und unterschiedliche Richtungen entfalten können und sich somit als übergreifende Leitkonzepte bewähren. Der dritte Themenblock ist umfänglich deutlich kürzer geraten (und somit für zukünftige Projekte in jeder Hinsicht erweiterungs- und ausbaufähig). Er befasst sich in zwei Beiträgen mit Empowerment und Ressourcenorientierung im Jugendalter bzw. frühen Erwachsenenalter (vgl. die Beiträge von Anja Gutjahr sowie Mireille Audeoud und Peter Lienhard). Sie zeigen auf, wie vor allem unter identitätspsychologischen Aspekten hörgeschädigte Menschen mit dem Übergang in das Jugend- und Erwachsenenalter mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden, die die Lebensgestaltung außerhalb von Familie und Schule betreffen und von den Betroffenen vielfältige Kompetenzen erfordern, die zum Teil neu kreiert werden müssen, zum Teil aber wesentlich auch davon bestimmt sind, was in den Jahren zuvor an Fundamenten gelegt wurde. Wir denken, dass mit den hier vorgelegten Beiträgen vielfältige und kreative Schritte gezeigt werden, die neuen Leitmotive Empowerment und Ressourcenorientierung umfassend in die Handlungsfelder mit hörgeschädigten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu integrieren. Damit ist mehr als ein Anfang gemacht, der zeigt, dass sich in der Hörgeschädigtenpädagogik sowie den ihr verwandten Arbeitsgebieten neue Gebiete und Denkrichtungen erschließen. Wir hoffen, dass die Leserinnen und Leser die reichen Facetten, die sich in den Beiträgen dieses Buches auftun, genauso genießen können, wie wir das getan haben (und tun)! Heidelberg/Aachen, im April 2008